Geschichte des Newski
Der Newski Prospekt
Sankt Petersburg, als Stadt vom Reisbrett, entstand in den Sümpfen der Newa. Die Versorgung der Zarenresidenz sollte von Novgorod aus gewährleistet werden. So baute man eine holperige Versorgungsstraße von der Zarenresidenz in Sankt Petersburg nach Novgorod durch den Sumpf, um die Transporte zu erleichtern: Der Newski war geboren. Schnell wurde der Newski zur Hauptstraße des St. Petersburg der Zaren. Die Straße lag direkt in der Nähe des Zarenpalast und an der Straße bauten die Adeligen des alten Russland ihre Paläste und Stadtvillen. Die verschiedenen Religionen erhielten vom Zaren großzügig Land und bauten ihre Kirchen. Kaufleute aus ganz Europa siedelten sich am Newski Prospekt an, eröffneten ihre Geschäfte und Kaufhäuser. Der Newski Prospekt bekam einfach über seine Anlieger eine große Bedeutung.
Flaniermeile der Reichen und Schönen
Bis zum ersten Weltkrieg war der Boulevard der Inbegriff des Luxus im zaristischen Russland. Militär in Galauniform, Damen in Samt und Seide flanierten an den Auslagen vorbei. Es gab eine ungeheure Zahl eleganter Geschäfte. Es wurden nur ausländische Waren verkauft die um ein Vielfaches teurer - und somit für den Normalbürger unerschwinglich waren. Der arme St. Petersburger sah das Herz der Stadt nur aus der Ferne. Erst mit der Revolution 1918 eroberten die "kleinen Leute" auch die Flaniermeile. Der Newski Prospekt blieb die Lebensader der jetzt in Leningrad umbenannten Stadt. Die Prachtbauten entlang der Straße verwaisten: Adelige und Reiche - die Verlierer der Revolution - verließen die Stadt.
Aus Wohnungsnot in die Kommunalka
Nach Flucht und Vertreibung der Reichen und Adeligen standen die Prachwohnungen leer. In den riesigen Wohnungen der Prachhäusern des Newski und seiner Seitenstraßen entstanden so genannte "Kommunalkas": Hausbesetzer zogen in die leeren Wohnungen. Nicht einer pro Wohnung sondern soviele wie der Platz hergab. Viele Familien teilen sich eine der oft aus 40 oder mehr Zimmer bestehende Etage der Residenzen. Wohnraum war knapp im neuen Leningrad - und wurde im Zuge der Zerstörungen im 2ten Weltkrieg noch knapper. Man teilte sich WC und Küche.
Bis heute sind diese Kommunalkas in den Prachthäusern entlang dem Newski Prospekt präsent. Ein Überbleibsel aus den Zeiten der Not und der Wohnungsknappheit in der Sowjetunion. Und auch ein Stück Stolz auf die eigene Geschichte - einfache Menschen wohnen jetzt da, wo früher die schmarotzenden Adligen residierten. "Wohn-Zimmer" in den Kommunalkas sind begehrt, niemand zieht gerne aus den zentrumsnahen Wohnungen aus. Und wenn man sich einmal an die großen WGs gewöhnt hat... Aber in den Immobilienanzeigen findet man die Möglichkeit, einzelne Zimmer in einer Kommunalka zu kaufen.
Spekulationsobjekt der "Neuen Russen"
Kaum öffnet sich Russland wieder für den Kapitalismus, kehren die Reichen und Schönen zurück an den Newski Prospekt. Man findet dort alles, die Modemarken, die großen, teuren Hotels, Juweliergeschäfte, Boutiquen, Restaurants und Clubs. Am Newski zu residieren ist wieder "in". Zur 300-Jahr Feier St. Petersburgs - der Heimatstadt von Putin - wurde der gesamte Newski und die angrenzenden Straßenzüge aufwendig saniert. Die 4,5 km lange Prachtstraße ist heute wieder Einkaufsstraße und Treffpunkt der Petersburger. Zur Hauptverkehrszeit brodelt der Verkehr, Menschen warten auf Busse, verschwinden in den Schächten der weit verzweigten U-Bahn. Die allgegenwärtigen Babuschkas - oft Blumenverkäuferinnen oder Händlerinnen - die kleine Waren am Straßenrand anbieten, verdienen sich ein Zubrot zu der kargen Rente. Die schönen Wohnungen der Kommunalkas sind zum Spekulationsobjekt geworden: Die kleinen Leute werden herausgekauft oder mit härteren Methoden in die Mietskasernen des St. Petersburger Stadtrandes gebracht. Der Newski wird erneut "zurückerobert": Wieder von den Reichen des neuen Russlands und ausländischen Konzernen.
Foto: I. Popov
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